Im Wickelraum des Restaurants
Laubfrosch
Hürdenlauf
Froschquacken
Bürgerentscheid
Arsch
Festival
Rossmann
Open
blaugrau
Wickelraum
Im Wickelraum des Restaurants – ja, es gab einen, ein Räumchen um genauer zu sein, eine Art Separee, vielleicht um die 6 Quadratmeter – fehlte das Papier! Und Hannes hatte die Windeln voll. Richtig voll! Wie ein Großer! Helga beugte sich über Hannes, streichelte sein Bäuchlein, überlegte kurz, ob sie den Kleinen für Sekunden allein lassen kann und bewegte sich daraufhin flüchtig zu den Toiletten, um etwas Toilettenpapier zu erhaschen. Hannes schrie! Fürchterlich! “ Ist ja schon gut, mein Süßer!“, flötete Helga und tippelte zurück. „Ich bin ja da, Mami ist da!“.
Hannes hatte sich in seiner eigenen Scheiße gewälzt. Aber er lachte zufrieden als Helga vor ihm stand. Helga war nicht zu lachen. Sie war abgespannt und überfordert und immer wieder musste sie seine Schreie - Hannes Schreie - ertragen. Sie fühlte sich völlig im Arsch, griff etwas widerwillig nach den Füßchen und wischte den Po sauber. Hannes quickte vergnügt und sah dabei aus wie ein Laubfrosch, der auf dem Rücken liegt. Die kleinen blasen, ja fast blaugrau wirkenden Beinchen links und rechts in die Höh gestreckt, die Händchen im Takt der Musik, welche sanft aus dem Lautsprecher der Sanitäranlage dringt, leicht von unten nach oben bewegend, und der Mund ab und zu zu einem langen breiten Lächeln verzogen. Er hatte für ein Baby ganz schön wulstige Lippen, es fehlte nur noch dass er ein Froschquacken – Konzert gab! War Hannes eigentlich ein hübsches Kind? Wenn er weiterhin so fett bleibt, wird er später zumindest keinen Hürdenlauf gewinnen. Aber man sagt ja, dass Babyspeck eine völlig normale Begleiterscheinung sei und sich das Ganze noch rauswächst.
Die kahle Stelle am Hinterkopf ihres Söhnchens gefiel Helga gar nicht. „Der Junge liegt zu viel!“, denkt sie bei sich. „Sieht aus wie bei einem glatzköpfigen Politiker! Nicht, dass der noch so einer wird! Einer, der große Reden schwingt und von den ernsthaften Problemen des kleinen Mannes keine Ahnung hat. Einer, der Bürgerentscheide ganz schnell vom Tisch fegt und sich schmieren lässt, einer der an sein Glück als erstes denkt und am Ende seine eigene Mutter ins Altersheim abschiebt! Hoffentlich nicht!“ Da ist ihr doch ein Hippie lieber. Einer, der von Festival zu Festival zieht und ihr jedesmal etwas Kleines mitbringt, einer der Frauen und Männer gleichermaßen liebt und auf der Bühne ordentlich rockt, einer, der hochgescheid ist und Empathie besitzt. Der darf bloß nicht an dieser grausamen Welt verzweifeln, der muss sich doch auch ein bisschen durchsetzen können. Auf jeden Fall ist Helga für Selbstbestimmung und das bereits von Kindesbeinen an.
Hannes schreit! „Was hast du denn, mein Kleener? Bist frisch gewickelt, hattest gerade deine Milch. Alles bestens oder?“ Helga nimmt Hannes in den Arm. Sie wiegt ihn hin und her. „Schschscht!“, sagt Helga und „Bschschscht!“ sagt Helga und „Ist doch alles jut“. Hannes schreit. Helga summt ein Wiegenlied und läuft ein Stück. Sie trägt Hannes zum Fenster und schaut hinaus. „Manchmal könnt ich dich…“, sagt Helga voller Ungeduld und stockt. „Nein, so was darf man nicht denken! Und nicht sagen. Sagen schon gar nicht!“
Helga schaut raus. Gegenüber befindet sich ein Klamottenladen. An der Ladentür steht dick und fett „open“. Eigentlich könnte sie sich doch mal wieder einen schönen Rock leisten. Und danach geht’s zu Rossmann Windeln kaufen!